Gemeinsame Übung von Gebirgsjägern und Heeresfliegern

Mittenwald / Niederstetten, 19. Juli 2022 -Der Rotorwind drückt alles zu Boden. Mit einem Arm an der Schulter des Vordermanns haltend und geduckt rücken in einer Kette mehrere Gebirgsjäger an die Seitentüre des Transporthubschraubers NH90 heran. Auf einer Bergnase der Aschenköpfe vor der Alpspitze steigt die Gruppe geordnet ein. Das Transporthubschrauberregiment 30 aus Niederstetten und das Mittenwalder Gebirgsjägerbataillon 233 üben über mehrere Tage gemeinsam den Transport von Personal und Material im Gebirge.

Der Höhepunkt dieser gemeinsamen Übung am Wetterstein- und am Estergebirge ist das viertägige Hochgebirgs-Biwak - quasi die Abschlussübung -innerhalb der Spezialgrundausbildung, die von der zweiten Kompanie des Mittenwalder Bataillons durchgeführt wird. Unter Gefechtsbedingungen bestiegen die Soldaten am Seilgeländer die Alpspitze, begingen den Klettersteig und trainierten das Abseilen am Felsen. Zur Ausbildung gehört aber auch die schnelle Verlegung im Gebirge mit geeigneten Transportmitteln. Schließlich soll die Kampftruppe im Ernstfall unmittelbar einsatzbereit sein. „Das geht am besten mit dem Hubschrauber“, unterstreicht der Kompaniechef der zweiten Kompanie, Hauptmann Hermann Pape. Man bewege sich bereits schon im anspruchsvollen Gelände und nun komme die Ausbildung mit dem Hubschraubertransport dazu: „Das ist ein großes Spektrum an Anforderungen, was zu üben ist.“ Das fange an bei den Witterungsverhältnissen und gehe bis hin zu den schwierig anzufliegenden Geländeformationen. So sind auch Soldaten anderer Teileinheiten vom Mittenwalder Bataillon dabei. Auch sie sollen für die so genannte „Luftverladefähigkeit“ ausgebildet werden. Müssen sie sich beim Einsteigen an einen Gegenwind in Orkanstärke und an den Transport im Laderaum des Hubschraubers gewöhnen.

In gemeinsamen Übungen mit den Gebirgsjägern wird diese Zusammenarbeit perfektioniert. Der Hubschraubereinsatz erweitert die Einsatzmöglichkeiten der Kampftruppe wesentlich. Tage zuvor wurden bereits Trockenübungen auf dem Exerzierplatz in der Kaserne geübt: Wie nähert sich eine Gefechtsgruppe am besten dem Hubschrauber an, wie muss eine Ladung gepackt sein, damit sie sicher am Hubschrauber hängend transportiert werden kann?

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Flugkünste: Der Hubschrauber dreht sich langsam in Richtung Kesselausgang unterhalb der Alpspitze und hebt sich mit der am Seil hängenden Außenlast sanft in die Höhe. (Foto: Gebirgsjägerbataillon 233, Krämer)

Eine Woche zuvor übten bereits die Heeresflieger vom Transporthubschrauberregiment 30 aus Niederstetten in Baden-Württemberg das Fliegen und Landen in den Bergen. Auch für die Hubschrauberbesatzungen ist der Gebirgsflug immer etwas Außergewöhnliches, und das liegt weniger an der atemberaubenden Aussicht, sondern vielmehr an den zahlreichen Besonderheiten und Schwierigkeiten, die es im Gebirge zu beachten gilt. Drei der wichtigen Dinge hängen mit Physik, Meteorologie und Flugführung zusammen. Die dünnere Luft in zunehmender Höhe reduziert Triebwerksleistung und Auftrieb, die Piloten müssen die Grenzen ihres Hubschraubers kennen. Das Wetter im Gebirge kann sich schnell ändern, und hält mit Steig- und Fallwinden besondere Schwierigkeiten für Hubschrauber bereit. Die Flugwege sind oft bodennah und durch Felswände stark eingeschränkt, die Gebirgslandeplätze sind meist klein, uneben und schwierig anzufliegen. Um mit diesen Besonderheiten vertraut zu werden, und um Erfahrung aufzubauen, werden spezielle Gebirgsflugtrainings durchgeführt, bei denen Piloten und Bordmechaniker für den Gebirgsflug qualifiziert werden.

Gebirgsfliegen ist Teamarbeit. Piloten und Bordmechaniker sind bei solchen Einsätzen gleichermaßen gefordert. Sind die besonderen Qualifikationen im Tag- und Nachtflug im Gebirge erbracht, wird mit der Gebirgsjägertruppe geübt. Wie gut diese Zusammenarbeit funktionieren kann, zeigte sich bei einer Rettungsaktion am Zirbelkopf im November 2020. Damals wurde ein Gebirgsjäger durch Steinschlag beim Klettern verletzt. Die zufällig gleichzeitig stattfindende Gebirgsflugausbildung der Heeresflieger wurde unterbrochen, und innerhalb von Minuten zu einer Rettungsaktion. Unter schwierigen Bedingungen wurde der verletzte Soldat mit der Rettungswinde geborgen und nach Mittenwald geflogen. Von der intensiven Ausbildung am Berg profitiert auch die Zivilgesellschaft: Innerhalb von Amtshilfe-Ersuchen werden die Transporthubschrauber beim Katastrophenschutz eingesetzt, so wie im vergangenen Jahr im Ahrtal oder Anfang 2019 bei der Schnee-Katastrophe im Berchtesgadener Land.

Kampftruppe absetzen, Material nachführen, Stellungen wechseln – das war der Schwerpunkt der Übungsflüge zwischen Alpspitze und Estergebirge. Über ein Dutzend Mal flog der Hubschrauber von Mittenwald ins Berggebiet um Garmisch. Vom Estergebirge mussten sich die Mittenwalder Jager die letzten zwanzig Kilometer bis zur Kaserne zu Fuß durchschlagen, sich einem Hinterhalt stellen und auf dem Hohen Brendten ein Not-Biwak errichten. „Die haben echt geliefert,“ sagt Kompaniechef Hauptmann Hermann Pape nicht ohne Stolz. Im Herbst wird der Hubschrauber wieder in Mittenwald Landung machen. Dann soll der Transport von Soldaten und Material bei schlechter Sicht und bei Dunkelheit trainiert werden.

Quelle
Oberstleutnant Peter Straub / TrspHubschrRgt 30
Stabsunteroffizier Sebastian Krämer / GebJgBtl 233