„Deutsche Landstreitkräfte und die NATO – Ostflanke“ am 6. April 2022 in Berlin - Dokumentation

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Präsident, lieber Wolfgang, sehr geehrte Präsidiumsmitglieder, erstmal danke ich ganz herzlich dafür, dass es uns nunmehr – Du hast es angesprochen – endlich gelungen ist, mal wieder eine Präsenzveranstaltung in einem Rahmen wie diesem durchzuführen und es mir die Möglichkeit gibt, zu Ihnen zu sprechen in einer Zeit, in der wenige Kilometer von hier auch die Zukunft Europas am Scheideweg steht. Wir alle spüren den Handlungsdruck, Dinge zu verändern, uns anzupassen und zu entscheiden.

Es ist wirklich daher gut, wieder in einer Präsenzveranstaltung und den anschließenden Gesprächen mit Ihnen den Austausch suchen zu können.

Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass diese Veranstaltung nicht unter dem Eindruck eines bewaffneten Konflikts, eines Krieges in Europa stattfindet, dessen Bilder für uns alle nur schwer zu ertragen sind.

Das letzte Mal habe ich an dieser Stelle, dreißig Meter von hier, bei einem Informations-Lunch im Juni 2021 zu Ihnen gesprochen. Die Botschaften, die ich heute zu senden habe, haben sich trotz der Ereignissein der Ukraine eigentlich nur marginal verändert.

Im Grunde formuliert das Heer diese Botschaften seit 2014 mehr oder weniger deutlich.

Aber wir müssen selbstkritisch eingestehen, dass wir mit unseren Botschaften nicht hinreichend durchgedrungen sind.

Die Herausforderung für einen Inspekteur des Heeres besteht darin, im politischen Umfeld auf der einen Seite die Leistungen seiner Truppe in den aktuellen Einsatzverpflichtungen von Mali über den Nordirak bis nach Litauen zu würdigen.

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Foto © Lindhorst

Auf der anderen Seite aber auch die Defizite für den Auftrag der Landes- und Bundesverteidigung aufzuzeigen.

Dies ist und bleibt ein schmaler Grat und ich möchte hier ganz zu Beginn meiner Rede ganz klar feststellen, wie stolz ich auf die Leistung meiner Truppe an jedem einzelnen Tag bin. Ich war gerade vier Tage in Mali und ich kann Ihnen sagen, die Soldatinnen und Soldaten des Heeres leisten im Rahmen Ihrer Möglichkeiten Herausragendes. Wir alle können stolz auf das sein, was diese Truppe leistet.

Dennoch müssen wir alle gemeinsam selbstkritisch feststellen, dass es uns seit 2014 nicht gelungen ist, die Landstreitkräfte der Bundeswehr auf den sich bereits abzeichnenden Konflikt hinreichend vorzubereiten.

Das ist für einen Inspekteur, der an der Spitze von 62.000 Soldatinnen und Soldaten steht und darüber hinaus Landstreitkräfte im Gesamtumfang von fast 80.000 Soldatinnen und Soldaten im Fokus hat, eine sehr bittere Erkenntnis.

Ich will aber nicht den Blick nach hinten richten, was passiert ist, ist passiert und was nicht passiert ist, ist auch nicht passiert; sondern vielmehr die Zukunft adressieren. Denn das ist jetzt unsere gemeinsame Aufgabe, Sicherheit unseres Landes und unserer Bürger zu verbessern.

Derzeit werden wir täglich Zeugen eines russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Wir erleben ungeheure Zerstörungsgewalt gegen zivile Infrastruktur und auch Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung.

Nach acht Jahren Gefechtspause seit 2014 sehen wir die Fortsetzung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Ich sage ganz bewusst Fortsetzung!

In der Rückschau erkennen wir nun um einiges deutlicher, was viele von uns vorher nicht wahrhaben wollten oder kollektiv verdrängt haben.

Jetzt wird es nur allzu offensichtlich, wie Russland unter der Führung eines Präsidenten Putin mit allen Mitteln versucht, ein in den neunziger Jahren untergegangenes Imperium wiederherzustellen.

Dieser Angriffskrieg markiert unzweifelhaft einen Wendepunkt für unsere Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Er wird Europa, er wird Deutschland, er wird unsere Gesellschaft, unsere Bundeswehr und natürlich auch unser Heer verändern.

Für uns Soldaten ist der 24. Februar 2022 möglicherweise ein ähnlich einschneidendes Datum wie der Fall der Berliner Mauer, der das Ende des Kalten Krieges markierte, oder wie 9/11, der uns in den Kampf gegen den globalen Terror und für 20 Jahre nach Afghanistan geführt hat.

Dieser Tag und die Ereignisse seitdem sind der traurige Beleg dafür, dass die konzeptionelle Umsteuerung der Bundeswehr zu einer besseren Balance zwischen dem internationalen Krisenmanagement und der Landes- und Bündnisverteidigung der richtige Ansatz war: das Weißbuch 2016.

Nun muss dieser Ansatz aber auch mit aller Konsequenz weiter umgesetzt werden.

Der Bundeskanzler hat in seiner Rede am 27. Februar Deutschland als Friedensmacht mit Anspruch auf eigenbestimmte militärische Stärke in und für Europa positioniert.

Dieser formulierte Anspruch ist hoch. Er wird international wahrgenommen und ist eine hohe Selbstverpflichtung.

Der seit 2014 propagierte Paradigmenwechsel ist nun durch die normative Kraft des Faktischen real geworden:

Die Potentiale eines möglichen Gegners werden zum Maßstab unserer Verteidigungsanstrengungen.

Russland hat sich durch sein Verhalten selbst zum Gegner unserer Werte erklärt und die Weltordnung in Frage gestellt.

Die Motive Russlands dafür müssen nicht unserer Weltsicht entsprechen, dürfen Sie auch nicht. Und wir dürfen uns die Welt nicht malen, wie sie uns gefällt! Wir müssen sie ungetrübten Blickes und ruhig analysieren und gemeinsam mit unseren Partnern muss unsere wehrhafte Demokratie auf „Worst Case-Szenarien“ vorbereitet sein.

Wir haben uns als Deutsches Heer in dieser Diskussion immer auf der Linie positioniert, dass die Absicht des russischen Präsidenten für uns nachrangig ist.

Die Frage war für uns nie: „Was will er?“, sondern stets: „Was könnte er?“.

Als wir im November 2020 auch bei einer Förderkreis Heer-Veranstaltung die Begriffe „kriegstauglich“ und „kriegstüchtig“ als Maßstab unserer Einsatzbereitschaft in die Diskussion eingeführt haben, sind wir nicht nur auf Zustimmung und Verständnis gestoßen. Das mag sich mittlerweile geändert haben.

Hinter dem militärsprachlich klaren Begriff der Kriegstüchtigkeit verbirgt sich für mich eine leistungsfähige Bundeswehr, ein einsatzbereites Heer mit der Befähigung zur erfolgreichen Landes- und Bündnisverteidigung und einem signifikanten Beitrag zur Abschreckung im Bündnis, um ein Übergreifen des Krieges auf NATO-Territorium zu verhindern. Und dabei meine ich nicht nur den, der gerade läuft.

Der Ukrainekrieg erlaubt meines Erachtens bis heute drei Beobachtungen:

1. Landstreitkräfte sind entscheidend. Bei jeder militärischen Auseinandersetzung, zumindest auf dem europäischen Kontinent, im wahrsten Sinne des Wortes „kriegsentscheidend“. Landstreitkräfte sind natürlich aus der Sicht eines Inspekteurs immer relevant, aber in Landes- und Bündnisverteidigungsszenarien sind sie anders relevant.

(A) Relevanz

Wir sehen allabendlich im Fernseher Bilder eines furchtbaren Landkrieges. Zeitraubend, zäh, verzahnt, verlustreich.

Wir sehen rücksichtslose Angreifer, und aufopferungswillige Verteidiger, die sich zwischen den Angreifer und die Bevölkerung stellen.

Wir müssen auf der einen Seite Bilder von willentlichen Kriegsverbrechen ertragen, sehen auf der anderen Seite aber auch den Versuch der Verteidiger, z.B. humanitäre Korridore zu sichern.

Gerade in dieser strategischen Verteidigungslage wird deutlich, welche herausragende Bedeutung das Halten und Wiedernehmen – Rückerobern – von Räumen und die damit verbundene Unterstützung der Bevölkerung hat.

Das geht nur mit einsatzbereiten Landstreitkräften, denn diese kämpfen dort, wo die Menschen leben. Das unterscheidet uns von Luftwaffe und Marine. Die Voraussetzung dafür ist ein leistungsfähiges Heer.

Dabei, und das ist mir sehr wichtig, kann auch eine Auseinandersetzung an Land nur erfolgreich sein, wenn sie in eine teilstreitkräftegemeinsame, multidimensionale Operationsführung – wir nennen es „Jointness“ – eingebettet ist.

(B) Andersartigkeit

In den Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung kommt es insbesondere auf Schnelligkeit und Masse an.

Die Schnelligkeit bezeichnen wir als Kaltstartfähigkeit. Bezüglich der Masse sprechen wir von Brigaden und Divisionen. Die Kräftemassierungen der russischen Föderation von knapp 150.000 Landstreitkräften und ihr Aufbau an den Grenzen der Ukraine hat gezeigt, das Militär schon vor Ausbruch eines Krieges politisch eingesetzt wird. Und sie zeigen uns eins deutlich: unsere Erfahrungswelt der letzten zweieinhalb Jahrzehnte im internationalen Krisenmanagement mit der Entsendung von Kompanien und Bataillonen ist im Szenario Landes- und Bundesverteidigung faktisch irrelevant.

Die Zug- und Kompaniegefechte, die wir in Afghanistan erlebt haben, werden ersetzt von beweglichen Operationen auf Brigade- und Divisionsebene mit tausenden Frauen und Männern unter einheitlicher Führung, in einem Auftrag.

Hinzukommt, dass die operative Effektivität nicht erst nach lang planbarer Vorbereitungszeit, sondern für Teile der Truppe aus dem Stand zu leisten ist.

Unsere deutschen Brigaden und Divisionen können im Bündnisrahmen den Unterschied machen.

Sie verschaffen innerhalb des europäischen Pfeilers der NATO jene Zeit, die benötigt wird, um Verstärkungskräfte über den Atlantik zu bringen. Ich will an der Stelle dran erinnern, die USA haben seit Januar Ihre Präsenz in Europa von 33.000 Soldaten auf 100.000 Soldaten erhöht. Innerhalb von drei Monaten – aber – ohne das parallel ein Angriff auf NATO-Gebiet läuft oder der Atlantik umkämpft wäre. Versuchen Sie sich vorzustellen, wieviel Zeit dafür notwendig wäre, wenn die Routen über den Atlantik bedroht wären.

Bisherige Annahmen und Grundlagen der Kooperation von NATO und russischer Föderation sind mehr oder weniger obsolet geworden. Es ist davon auszugehen, dass es mehr Kräfte des Bündnisses an der östlichen Bündnisgrenze geben wird. Dies haben zuletzt die Regierungschefs der NATO auf ihrem Treffen in Brüssel am 24. März deutlich gemacht.

Für den NATO-Gipfel im Juni sind weitere Anpassungen des strategischen Konzepts angekündigt.

Ohne einen signifikant steigenden deutschen Beitrag, insbesondere seiner Landstreitkräfte, wird die glaubhafte Abschreckung und Verteidigung Europas nicht zu organisieren sein. Die Dimensionen im Kalten Krieg waren bereits für den Kräfteansatz an der innerdeutschen Grenze gigantisch. Alleine das (west-)deutsche Heer bestand zum damaligen Zeitpunkt aus zwölf Divisionen mit 36 aktiven Brigaden plus sechs Heimatschutzbrigaden und das Territorialheer kam in Ergänzung noch hinzu. Wir heute stellen etwa 25% davon.

Drei deutsche Divisionen und acht Brigaden, allerdings kaltstartfähig und einsatzbereit für das hochintensive Gefecht gegen einen teilweise überlegenen Gegner, muss dem wiedervereinigten Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern, in den kommenden Jahren gelingen!

Es ist in Anbetracht derzeitiger und absehbarer zukünftiger Bedrohungen das Mindeste, was von der größten Volkswirtschaft Europas erwartet werden wird.

Die Erwartungen der NATO-Partner an den Partner Deutschland werden groß sein, diesen Sommer auf dem NATO-Gipfel.

Leider sind die derzeitigen Möglichkeiten unserer Landstreitkräfte im hochintensiven Gefecht auf Dauer zu bestehen, noch zu gering dimensioniert.

2.) Das führt mich zu meiner zweiten Beobachtung der laufenden Ukraine Krise:

Nur gemeinsam stark.

So lautet das Motto 1. DEU/NLD Korps. Und das gilt nicht nur auf der politischen und strategischen Ebene, wie wir das beobachten können, sondern macht auch deutlich, dass wir die Verteidigung Europas nur gemeinsam mit unseren Verbündeten bewerkstelligen können.

Die Bundeswehr war auch im Kalten Krieg nie in der Lage, Deutschland alleine zu verteidigen. So wie die Bundesrepublik auf die Unterstützung seiner Bündnispartner angewiesen war, um das Abschreckungspotenzial hoch zu halten, dass es zu keinem Konflikt mit dem Warschauer Pakt kam, so sind jetzt unsere Verbündeten an der Ostflanke des NATO-Gebietes auf unsere Solidarität angewiesen.

Im Glauben vom „Ende der Geschichte“ und einem scheinbar immerwährenden Frieden, haben viele Menschen in unserem Land und in Europa eine, wenn nicht die wichtigste Lektion verdrängt:

Unsere Demokratie und unsere Werte müssen jeden Tag verteidigt werden, nach Innen, das haben wir heute Morgen bei der Razzia in Essen erlebt, aber auch nach Außen!

Durchsetzungsfähige Streitkräfte, voll ausgerüstet, voll ausgebildet und organisiert, sind ein wesentliches Instrument für die äußere Sicherheit eines Staates.

Dies sicherzustellen ist nicht allein Aufgabe der Streitkräfte, sondern eine gesamtstaatliche politische Verantwortung, wie sie die Worte Artikel 87a unseres Grundgesetzes auf den Punkt bringt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie an dieser Stelle mit zwei militärischen Fachbegriffen, die wir zur Bewertung von Truppenteilen verwenden, konfrontieren: dies sind die Begriffe Kampfkraft und Einsatzwert!

Sprechen wir über Kampfkraft, so ist dies eine quantitative Größe! Sie beschreibt die harten Fakten: die Qualität und Quantität der materiellen Ausstattung sowie die personelle Befüllung der Truppenteile.

Daran schließt sich dann die logistische Reichweite der Truppe an! Die Kampfkraft einer Truppe ist beeinflussbar über die Ressourcenzuteilung! Wir werden auf diesen Punkt noch zurückkommen.

3.) Der zweite Begriff „Einsatzwert“, den ich gleichzeitig mit meiner dritten Beobachtung zum laufenden Ukraine Krieg verbinden möchte:

Der Einsatzwert ist eine qualitative Betrachtung und Bewertung der Fähigkeiten einer Truppe.

Hier geht es um ihre strukturelle Eignung für einen bestimmten Auftrag, ihre Eignung in einem bestimmten Gelände.

Der Einsatzwert umfasst aber auch den Ausbildungsstand einer Truppe, ihre Motivation, ihren Rückhalt in der Bevölkerung, und so weiter und so fort. Mut, Tapferkeit, Motivation und Einstellung machen einen Unterschied! Ich denke, wir alle schauen mit großer Bewunderung auf die Bevölkerung der Ukraine und ihre Streitkräfte.

Mit welcher Selbstverständlichkeit, Hingabe und Durchhaltewillen sie sich dem Aggressor entgegenstellen. Dies muss für uns ein Vorbild sein! Dabei ist unsere innere Haltung unsere äußere Stärke! Die Menschen im Heer, die wir ausbilden und an ihre militärischen Aufgaben heranführen, sind das Wichtigste und Beste, was wir haben. Diese Truppe ideell und materiell mit dem besten Rüstzeug zu versehen, ist und bleibt unsere allerhöchste Verpflichtung.

Schauen wir auf den aktuellen Krieg in der Ukraine, so werden Sie mir sicher zustimmen, dass wir sehr deutlich erkennen: die russischen Kräfte verfügten am Anfang dieses Krieges mit absoluter Sicherheit über die größere Kampfkraft, ihr Einsatzwert, also ihre Motivation, ihre Konzepte, ihr taktischer Ansatz und ihr Ausbildungsstand, all diese Faktoren waren aber erkennbar nicht hinreichend.

Auf der ukrainischen Seite das genaue Gegenteil. Am Anfang möglicherweise mit geringerer materieller Kampfkraft, die umfangreichen Waffenlieferungen aus dem Westen folgten erst im Laufe der Zeit, aber dafür Verteidigungskräfte mit einer extrem hohen Motivation, einem guten Plan und einem klugen taktischen Konzept, sich dieser materiellen Übermacht entgegen zu stellen.

Was bedeuten diese Ableitungen, die ich Ihnen gerade erläutert habe, nun für uns ganz konkret? Damit kommen wir zur Absicht der Bundesregierung, unsere Bundeswehr, und damit auch unser Heer, wieder vollständig zur Landes- und Bündnisverteidigung zu befähigen.

Ich möchte hier an dieser Stelle unsere Verteidigungsministerin zitieren:

„Unser Ziel liegt klar vor Augen: Wir brauchen eine Bundeswehr, die in der Lage ist, die klassische Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung ohne Einschränkung wahrzunehmen.“

(Bundesministerin der Verteidigung, Christine Lambrecht, am 23.03.2022 im Deutschen Bundestag)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich betone „ohne Einschränkungen“!

Wo liegen heute die vorrangigen Einschränkungen?

Nun, für das Heer ist sicherlich eine der gravierendsten die fehlende Vollausstattung.

Das leitet meinen Vortrag auf die beabsichtigten Investitionen in die materielle Ausstattung der Bundeswehr.

Ich möchte in diesem Zusammenhang mit Ihnen meine Erwartungen an die Verwendung des geplanten Sondervermögens teilen.

Ich möchte vorab feststellen, dass ich als Inspekteur des Heeres in die aktuelle Erstellung von Listen und Konzepten, welche Projekte im Sondervermögen und welche Projekte im Haushalt abzuwickeln sind, nicht eingebunden war und bin!

Ich sage Ihnen ganz offen, dass dies aus meiner Sicht zum aktuellen Zeitpunkt auch nicht zwingend erforderlich ist.

Denn – die Bedarfe des Heeres liegen detailliert und dezidiert auf dem Tisch und zwar nicht erst seit gestern oder dem 24. Februar. Sie sind für das Erreichen und die Umsetzung des Fähigkeitsprofils seit geraumer Zeit gemeldet und für alle für alle transparent.

Meine mit dem Sondervermögen verbundenen Erwartungen lassen sich mit drei Punkten beschreiben:
Erstens, und ich bleibe dabei: Wir müssen mehr in Systemverbünden (Brigaden und Divisionen) denken und dürfen bei der Konzentration auf Einzelprojekte nicht den Überblick verlieren.

Zweitens: Wir müssen bei aller Dringlichkeit, die größten Lücken zu stopfen, die Zukunftsfähigkeit des Heeres nicht aus dem Blick verlieren.

Und drittens: Anders als bei unseren Schwesterteilstreitkräften Luftwaffe und Marine reicht es nicht im Heer, neue Plattformen einzuführen oder zu ersetzen oder die Anzahl vorhandener Plattformen zu erhöhen.

Im Heer, das seine Fähigkeiten aus dem Zusammenspiel von Truppengattungen in Großverbänden generiert, sind auch zwingend strukturelle Änderungen angezeigt.

Hier liegt übrigens die zweite Einschränkung, die ich für die Wahrnehmung LV/BV sehe.

Lassen Sie mich diese drei Punkte etwas detaillierter ausführen.

Das beschlossene Sondervermögen ist ein wesentlicher Schlüssel, die notwendigen Schritte hin zu einer einsatzbereiten Bundeswehr zu beschleunigen.

Der Anteil aus dem Sondervermögen für das Heer wird vorrangig helfen, die Lücken der offen gebliebenen Beschaffungen aus der Vergangenheit zu schließen.

Mit diesem Lückenschluss sollte es uns gelingen, schnellstmöglich zunächst eine einsatzbereite Division mit drei einsatzbereiten Brigaden durch Vollausstattung aufzustellen. Sie erinnern sich an unseren Bierdeckel, der obere Pfeil.

Die Umstände diktieren uns dabei, schneller zu werden. Deshalb hat der Generalinspekteur den Zeitplan für die Aufstellung dieser Division um zwei Jahre vorgezogen. Die Aufsteller mit der Überschrift Division 2027 konnten wir Ihnen heute Abend nicht mehr zumuten, weil wir Aufsteller mit 2025 so schnell nicht hingekriegt haben.

Jenseits dieser einen Division muss jedoch unser Blick weiter in die Zukunft reichen.

Die Schaffung voll durchdigitalisierter Großverbände erfordert die dauerhafte Sicherstellung einer hinreichenden Investitionsquote, um die Modernisierung und Vollausstattung aller Brigaden der Landstreitkräfte zu ermöglichen.

Bislang waren die Modernisierungszyklen erwartbarer Gegner stets schneller als unsere. Das dürfen wir zukünftig nicht mehr zulassen.

Und ich sage es ganz offen: wenn am Ende das 100 Milliarden Sondervermögen ausgegeben ist und wir keine einsatzbereiten Verbände aufgestellt haben, ist etwas schiefgelaufen!

Dabei gefährdet schon die Nichtrealisierung von kleinen Projekten gefährdet die Funktionsfähigkeit des Ganzen und geht zu Lasten der Einsatzbereitschaft. Das schwächste Glied in der materiellen Ausstattung bestimmt den Einsatzwert einer Brigade! Sie können es an der russischen Armee derzeit beobachten, was es bedeutet, beispielsweise den Bereich der Logistik oder der Sanität zu vernachlässigen. Wir sind daher gut beraten, ein rigides Fähigkeitscontrolling zu beauftragen, damit am Ende auch die geforderten Fähigkeiten generiert werden! Die Fähigkeit im Heer ist eine einsatzbereite Brigade, eine einsatzbereite Division. Und warum soll es nicht auch einmal ein integriertes Planungsteam für eine Brigade geben, statt nur für Einzelprojekte?

Wir im Heer wissen genau, was wir brauchen und haben das mehrfach prominent zum Ausdruck gebracht, auch schriftlich. Und jetzt gilt es auch genau das zu beschaffen, ohne Wenn und Aber. Und wenn jemand das Gegenteil behauptet (das Heer wisse nicht, was es wolle) liegt es möglicherweise daran, dass er etwas Anderes will.

Natürlich sind uns auch Einzelprojekte sehr wichtig.

Das leidige Thema der persönlichen Bekleidung und Ausstattung muss nun möglichst rasch mit den verfügbaren Ressourcen gelöst werden. Dabei schaue ich insbesondere auf Nachtsichtgeräte, Schutzausstattung im Gefecht und persönliche Bewaffnung bis hin zum Infanteristen der Zukunft erweitertes System!

Von absoluter Priorität müssen für uns im Heer alle Projekte zur Verbesserung der Führungsfähigkeit und damit zur Digitalisierung unserer Truppenteile in der Domäne Führung sein.

Die Stichworte sind Digitalisierung Landbasierter Operationen basic, DLBO basic, DLBO, Gefechtsstände, Funkgeräte, das sogenannte taktische Wide-Area-Network (TAWAN), PRC117 und so weiter, und so weiter.

In der Domäne Aufklärung sind es vor allem die Aufklärungsdrohnen, die wir unverändert schnell brauchen: HUSAR oder LUNA nächste Generation am kurzen Zeitstrahl bis hin zu weiterreichenden Aufklärungsdrohnen, der Arbeitsbegriff ist INTRUDER, mit größerer Eindringtiefe!

Bei der Domäne Wirkung kennen Sie alle Stichworte: Es geht um die Verbreiterung der Munitionsbevorratung, es geht um die Puma-Nachrüstung, es geht um die Nachfolge Marder mit dem damit verbundenen Einstieg in das 2. Los, den schweren Waffenträger, Indirektes Feuer kurzer, mittlerer, langer Reichweite, die dazugehörigen Beobachtungs- und Führungssysteme (Joint Fires Support Teams schwer und abgesessen), es geht um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Kampfpanzer Leopard und dem Fortschritt des MGCS-Projektes – wie wir die Brücke bilden, es geht um die Nachfolge des Kampfhubschrauber Tiger, es geht um das Sperrsystem der nächsten Generation, es geht um den Nah- und Nächstbereichsschutz gegen Bedrohungen aus der Luft! All diese Themen liegen alle auf dem Tisch und sind nicht neu.

Auch in der Domäne Unterstützung besteht großer Handlungsbedarf, hier sind meine Stichworte: Regeneration Fuchs-Flotte, den Ausbau unserer Flotte an LKW Multi Wechselladesysteme, der leichte Unterstützungshubschrauber, die neue Amphibie, die neue Luftlandeplattform, das Überschneefahrzeug. Also alles Projekte, die Sie kennen und die in die richtige Richtung weisen.

Ich denke, aus dieser sehr unvollständigen Aufzählung von Systemprojekten wird deutlich, dass es nicht nur um das Auffüllen vorhandener Lücken geht, sondern dass wir uns auch Gedanken über das Gefechtsfeld und die Rüstungsprojekte der Zukunft machen müssen.

Ich beobachte hier seit einiger Zeit, insbesondere im Rahmen unserer internationalen Kontakte und Tagungen, dass viele kleinere und mittlere Staaten das Konzept der Multi-Domain Operations sehr sorgfältig auswerten und für ihre eigene Projektierung zukünftiger Streitkräfte zu berücksichtigen beginnen.

Hier müssen wir am Ball bleiben, wenn es darum geht, künstliche Intelligenz für die Beschleunigung von Führungs- und Entscheidungsprozessen, für den Einsatz unserer Waffensysteme und für den Schutz unserer Soldaten zur Wirkung zu bringen. Das Zusammenspiel von bemannten und unbenannten Plattformen, um eigenes Personal aus der letalen Zone heraus zu halten, wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein. Hierbei ist völlig klar, dass unser Werte- und Rechtsrahmen immer den Menschen als letztendlichen Entscheider im System abbilden muss. Aber ich sehe doch die große Notwendigkeit, diese moderne Technik zur Unterstützung des Menschen in komplexen Gefechtssituationen zum Einsatz zu bringen. Auch wenn wir es nicht tun, die potentiellen Gegner werden es tun bzw. tun es schon.

Lassen Sie mich damit kurz noch einmal auf meinen dritten Punkt, den ich im Zusammenhang mit der Umsetzung des Sondervermögens erwähnt habe, kommen:

Hierbei geht es um notwendige strukturelle Anpassungen des Heeres und der Landstreitkräfte der Bundeswehr.

Haben wir bisher bei materieller Ausstattung über Kampfkraft gesprochen, geht es jetzt um Einsatzwert.

Das heutige Heer wurde in seiner Struktur 2010/11 unter dem Eindruck kriegsähnlicher Zustände in AFG ausgeplant.

Das Ausplanungsrational war, das Heer in die Lage zu versetzen, kontinuierlich zwei Infanterie-Kampfverbände mit Unterstützungsteilen gleichzeitig aus einer Brigade heraus zu alimentieren.

Das hat die Kampfunterstützungstruppe geschwächt, die Divisionen faktisch ihre Divisionstruppen beraubt, die Brigaden überstark und unbeweglich gemacht und uns ganze Fähigkeiten und Truppengattungen, wie z.B. die Heeresflugabwehr, gekostet. Wir haben diese Festlegungen in den letzten fünf Jahren punktuell verändern können.

Dies gilt insbesondere für die Brigaden 9 und 37, die für den VJTF-Auftrag vorgesehen waren und für jene Bataillone, die wir in den letzten fünf Jahren nach Litauen entsandt haben.

In der Breite, über alle seine Brigaden hinweg, besteht dringender Handlungsbedarf im Heer, um uns strukturell für die Aufgabe Landes- und Bündnisverteidigung konsequent aufzustellen.

Wir sehen aus Heeressicht, aufbauend auf den Defizitanalysen der letzten Jahre und in ihrer Dringlichkeit durch den Ukrainekrieg verstärkt, vier strukturelle Handlungsfelder:

Erstens ist es die Binnenoptimierung des Heeres auf LV/BV bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Fähigkeiten zum Internationalen Krisenmanagement (IKM) und zum Nationalen Risiko- und Krisenmanagement (NatRKM).

Zweitens den strukturellen Aufbau des Kräftekontinuums leicht-mittel-schwer, um uns für die Zukunft breiter aufzustellen und den operationellen Faktoren Raum und Zeit auch strukturell und materiell Rechnung zu tragen.

Dies muss jetzt geschehen, um entsprechende Rüstungszuläufe direkt bereits in die richtige Grundstruktur aufnehmen zu können.

Drittens die Ausrichtung der gesamten Landstreitkräfte der Bundeswehr auf LV/BV, die Reduzierung der Anzahl der Truppensteller und Verbesserung der Kohäsion der LaSK zur Erhöhung der Kaltstartfähigkeit.

Und viertens, die Einleitung der nächsten Stufe zur vollständigen Integration der Einsatzkräfte des deutschen und niederländischen Heeres; wie im Allgemeinen die engere Verzahnung der Landstreitkräfte im Europäischen Pfeiler der NATO und unter der Überschrift des vorgenannten Rahmenkonzepts der NATO, des „framework nations concepts“.

Wir haben diesen Ansatz und einen schrittweisen Umsetzungsplan (mit einem ersten Zwischenziel in 2025) dem Generalinspekteur der Bundeswehr vorgetragen und in der vergangenen Woche als den Beitrag des Heeres zur laufenden Bestandsaufnahme der Leitung des Hauses, dem BMVg, schriftlich vorgelegt.

Folgt man unserem Ansatz, werden wir bis 2025 die Brigaden 12, 9 und 37 zunächst unter Führung der 10. Panzerdivision als schweres Standbein des Heeres aufgestellt haben.

Das DEU Heer wird im Zielbild am Ende der Dekade dann über zwei schwer/mittel gemischte Divisionen und eine leichte Division verfügen.

Insgesamt demnach drei schwere, drei mittlere und zwei leichte Brigaden. Gemeinsam mit dem niederländischen Heer NLD erhöht sich die Anzahl der Brigaden jeweils um die Zahl eins, also vier schwere, vier mittlere und drei leichte Brigaden, also 4-4-3!

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss! Deutschland ist neben seiner Wirtschaftskraft eine sicherheitspolitische Landmacht mit zentraler Lage in Europa.

Deutsche Landstreitkräfte sind ein zentraler Baustein im europäischen Pfeiler der NATO in der Zentralregion. Ihre Ausstattung, Ausbildung und Einbindung in die Verteidigungsplanung der NATO wird uns in den kommenden Jahren vor große Herausforderungen stellen.

Diese sind jedoch angesichts der Bedrohung unumgänglich. Ich bin optimistisch, dass die derzeitigen Planungen des BMVg zur Umsetzung des Sondervermögens diesen Ansatz hinreichend berücksichtigen. Dabei schaue ich nicht nur auf die Mittel, die der Dimension Land direkt zugewiesen sind, sondern nehme natürlich auch in die Betrachtung die Mittel, die insgesamt dem Thema Digitalisierung und Führungsfähigkeit sowie in der Dimension Luft, für Land, mit abgebildet werden.

Ganz zum Schluss noch einmal mein Rückgriff auf Begriff den Einsatzwert!

Wir haben viel über Material und Strukturen gesprochen. Aber das ist alles nur Mittel zu einem Zweck!

Dieser Zweck ist, die Menschen im Heer, unsere Soldatinnen und Soldaten, bestmöglich für ihre Aufträge aufzustellen, auszubilden und auszurüsten.

Dies gilt natürlich für alle laufenden Einsätze, aber insbesondere auch für den Fall eines akuten Verteidigungsszenarios:

Es sind unsere Heeressoldatinnen und –Soldaten, die auf den letzten 100 Metern ihren Kopf hinhalten!

Gute, fordernde Ausbildung genauso wie modernste Vollausstattung stärken auch das Vertrauen unserer Soldatinnen und Soldaten darin, dass der Eid, den sie auf die deutsche Fahne geleistet haben, vom Eidnehmer ernst genommen und gewürdigt wird.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!