In Friedens-, Notfall-, Krisen-, Kriegszeiten sowie während Einsätzen können Einzelpersonen von ihrer Gruppe isoliert werden, oder die Gruppe als Ganzes kann vermisst werden oder einer Katastrophe zum Opfer fallen, ohne dass sie sich aus eigener Kraft in Sicherheit bringen kann. In einem solchen Fall besteht für Führungskräfte ein Druck, eine Verpflichtung und eine moralische Verantwortung, alle Anstrengungen zu unternehmen, um gefangenes, isoliertes, verletztes und/oder vermisstes Personal zu retten bzw. zu bergen. Es besteht die Verpflichtung zu „Personnel Recovery (PR)“ und die Verantwortung, Niemanden zurückzulassen, der stellvertretend für andere oder für sein Land dient. Daher muss jede Personnel Recovery-Operation eine „No-Fail-Mission“ sein.

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Georg Kronthaler, (AUT) “Body Recovery from Broad Peak “

Im Gebirgsgelände gibt es eine Vielzahl von Einflussfaktoren, die eine Personnel Recovery Operation erschweren und daher bedacht und beplant werden müssen. Um der Mountain Warfare Community of Interest (COI) den State of the Art allgemein anerkannter Erkenntnisse und Erfahrungen und damit ein gemeinsames Verständnis und Interoperabilität im Spektrum möglicher Erschwernisse im Gebirge zu vermitteln, war das Thema des dritten NATO MW Kongresses (5.-8.10.2021) „Personnel Recovery in Mountainous Terrain“.

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Robin De Schepper, (BEL); Bil “ SERE”

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Steven Holland, (USA)  Military Personnel Recovery “Case Jessica Lynch”

Unter der Punchline „Learning from own and others’ experience, improves the quality of decisions and, in turn, the outcomes“ wurde ein Ensemble von 11 Referenten aus 7 verschiedenen Nationen und unterschiedlichen Hintergründen engagiert. Alle von ihnen sind anerkannte Praktiker und/oder Wissenschaftler, die sich in ihren Vorträgen in erster Linie nicht auf das Wissen aus Büchern bezogen, sondern vielmehr ihre empirischen Erfahrungen aus „Real-life-cases“ teilten. Sie referierten sozusagen nicht aus Büchern, sondern sie sind die Bücher!

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Lageeinweisung der Congressteilnehmer.

Der Kongress wurde vom Generaldirektor für Verteidigungspolicy in Slowenien, Herrn Uros Zorko, eröffnet und auch Brigadegeneral Ilmars Lejins vom Allied Command Transformation (ACT) sprach ein Grußwort als Ausgangspunkt für den diesjährigen Kongress und das hochbrisante Thema. Das Konzept des Kongresses bestand darin, typische Ursache-Wirkungszusammenhänge des Gebirgsgeländes von 8000 Metern Höhe bis 1000 Meter im subterranen Bereich und daraus abzuleitenden Folgerungen im Bereich von „Personnel Recovery Operationen“ authentisch aufzuzeigen. Es war sozusagen ein orografisches Top-Down-Prinzip, eingebettet in Erkenntnisse aus Wissenschaft und erlebter Praxis.

Georg Kronthaler (AUT), der erste Mensch der Welt, der eine Bergung vom Broad Peak (8071m Höhe) geplant und durchgeführt hat, teilte seine Erfahrungen der Planung, dem Training und der Durchführung einer solchen Herausforderung in dieser Höhe. Der höhenexpeditionserfahrene Prof. Dr. Markus Tannheimer (DEU) betonte in seinem Vortrag die Bedeutung improvisierter Rettungstechniken anhand eines realen Falles eines schwerverletzten Soldaten in großer Höhe (Husacaran, 6000Hm) während einer militärischen Expedition.

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Die multinational Patrouille klärt die Situation im Nahbereich

Steven Holland (USA) von der Army South Personnel Recovery Coordination Section teilte sein tieferes Wissen und seine „first-hand-Erfahrung“, die er in 13 Kampfeinsätzen und 6 militärischen Personnel Recovery Operationen gewonnen hatte. Er berichtete dabei auch sehr konkret, authentisch und evidenzbasiert über die „Jessica Lynch Recovery Operation“ im Irak, aus seinem unmittelbaren persönlichen Erleben. Franc Vodopivec (SVN) teilte seine Lehren aus seiner ISAF-Mission im Jahr 2005, wo er an der Such- und Bergeaktion am Chaperi Ghar (3072 m) als erstes Team vor Ort war.

Die besonderen Herausforderungen von Gletscher- und extremen Winterverhältnissen wurden von Sabrina Grillitsch (AUT) aufgezeigt, die 2014 mit einem Team das Rennen zum Südpol bestritt. Sie resümierte, dass „minus 35 Grad keinen Fehler verzeihen“.

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Aufbau des Kransystems zur Schluchtenrettung

Die subteranen Besonderheiten von Personnel Recovery im Gebirgsgelände zeigte Herr Andreas Wolf von der Bergwacht Bayern auf. Er war maßgeblich an der bisher größten Höhlenrettungsaktion aller Zeiten beteiligt, der „Riesending-Höhlenrettung“. Dabei wurde ein schwerverletzter Höhlenforscher in einer internationalen 11-tägigen Rettungsaktion aus einer 1000m tiefen Höhle gerettet. Neben diesen realen Fällen zeichnete LTC Tommaso Barone (ITA) vom Joint Air Power Competence Center (JAPCC) ein Gesamtbild von Joint Personnel Recovery. Der NATO MW COE-Sprecher, LTC Reinhold Ramesberger, zeigte den allgemeinen doktrinäre Sachstand innerhalb der NATO, indem er Kernaussagen verschiedener STANAGS und Standards darstellte und dabei die Brücke zu Mountain Warfare schlug.

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CASEVAC

Der klinische Psychologe Uros Rosker (SVN) zeigte anhand der Konstrukte Angst und Hoffnung was in unserem Gehirn passiert. Der Wissenschaftler Dr. Andrezj Tomczak (POL) teilte sein Forschungsergebnis zur Motorikeinschränkung bei Stress und Schlafentzug und der SERE-Instruktor Robin DeSchepper (BEL) ergänzte den Wissensschatz des Congresses mit Informationen und Erklärungen aus seinem Zuständigkeitsbereich. Abschließend stellte Petrick Blank noch die Arbeit des European Personnel Recovery Centre (EPRC) vor.

Zusätzlich zu den Keynotes und Vorträgen wurde eine Postersession und eine Industrieausstellung durchgeführt. Ein besonderes Highlight war der sogenannte „Field trip“ bei dem live „Hands-on-Demonstrationen“ in einem statischen und einem dynamischen Display gezeigt wurden. Die dynamische Darstellung einer Rettung im schwierigen Gebirgsgelände fand im Rahmen einer taktischen Aktivität in einem Stabilitätsszenario statt. Eine internationale Patrouille (GER/SVN/UK) wurde mit „Hit-and-Run-Taktik“ überfallen und musste nach Kontrolle der Lage einen eigenen verwundeten Soldaten aus einer 50 Meter tiefen Gebirgsschlucht aus sehr schwierigem Gelände retten. Der Patrouillenführer SFC Kolbl (MW COE) beschloss, dies mit eigenen Mitteln und unter eigenem taktischem Schutz durchzuführen. Innerhalb des taktischen Szenarios wurde der State-of-the-Art der Kombination von High-Tech-Assets mit konventionellen Mountain Warfare-Fähigkeiten angewandt. Damit wurde aufgezeigt, dass sich High-Tech und handwerkliche Mountain Warfare Skills nicht ausschließen, sondern vielmehr komplementär wirken. So wurde die genaue Ortung des verletzten Soldaten und die Überwachung der feindlichen Lage mit einer Mini-Drohne vollzogen. Aufgrund des so gewonnenen Lagebilds entschloss sich der Patrouillenführer, eine CASEVAC durchzuführen und befahl seinem Team, ein Kransystem aufzubauen, um den verwundeten Soldaten sicher und für ihn bequem aus der Gebirgsschlucht an einen sicheren Ort zu bringen. Nachdem der Verletzte zum Sanitätstrupp gebracht war, wurde die Notwendigkeit eine Infusion erforderlich.

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Anlieferung von Infusion und Medikamenten durch fliegenden Versorger

Der Patrouillenführer forderte diese beim Gefechtsstand an und sie wurde umgehend von einem fliegenden Versorger (Rocket Man) schnell und geländeangepasst in dieses unwegsame, gebirgspezifische Gelände gebracht.

Zusammenfassung
Das Fehlen einer übergreifenden JPR-Policy und Doktrin für den Bereich „Mountain Warfare“ lässt Raum für interne Diskussionen über PR-Anforderungen und Verantwortlichkeiten. Die Beiträge des Congresses haben die Notwendigkeit einer spezifischen Ausbildung für Planung und Durchführung von PR in schwierigem Gebirgsgelände wie extremen Höhenlagen, Gletscher- und verschneitem Gelände sowie Höhlen aufgezeigt. Es wurden zahlreiche Impulse gegeben und es ist die Hoffnung von uns allen, dass dies die Qualität zukünftiger Entscheidungen und damit auch der Ergebnisse von Personnel Recovery im Gebirgsgelände verbessern kann. „Having a personnel Recovery capability will not make you win a war, not having one certainly can make you lose one!” (Gen Lance Smith, Former SACT).

Abschluß

Mission accomplished: 74 Congress Teilnehmer aus 15 verschiedenen Ländern und lokale Politiker der umliegenden Districts Begunje, Bled und Bohinji nahmen am “Field Trip” teil.

Autorenteam NATO MW COE: Ms. Natasa Pogorevc (SVN, NATO MWCOE) & LTC Reinhold Ramesberger (DEU, NATO MW COE)

Fotos © NATO MW COE