Die Bundesrepublik Deutschland ist in der Bündnisverpflichtung und nimmt an der internationalen Friedenssicherung teil. Einsätze der Bundeswehr zur Konflikt- verhütung und Krisenbewältigung sowie im Rahmen von Rettungs-, Hilfs- oder Evakuierungsoperationen haben die Rolle der Bundeswehr verändert. Dazu wird die Bundeswehr umstrukturiert. Schnell verfügbare streitkräftegemeinsame Ein- satzkräfte sollen dazu befähigt werden, innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit und verlegbar zu sein. Diese Aufgabe erfordert einerseits große Anstrengungen und strukturelle Veränderungen und andererseits die Fähigkeit, allumfassende Informationen über das Zielland/Zielgebiet zu bevorraten, zu aktualisieren und zu bewerten. Dem Führungsgrundgebiet 2 bzw. dem Militärische Nachrichten- wesen der Bundeswehr obliegt diese Aufgabe, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Somit ist eine zentrale Aufgabe des Militärischen Nachrichtenwesens (MilNWBw)  einen Beitrag zum frühzeitigen Erkennen von krisenhaften Ent- wicklungen zu leisten und darüber hinaus im Bedarfsfall die Streitkräfte bei der Vorbereitung von möglichen Einsätzen durch ein umfassendes Lagebildes zu unterstützen.

nachrichtenwesen

Die  Bundeswehr  ist  dem  Primat  der Politik unterworfen und somit ein Instrument der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Sie hat den Auftrag:

  •  die Handlungsfähigkeit Deutschlands in außenpolitischen Angelegenheiten zu sichern,
  • einen Beitrag  zur Stabilität im euro- päischen und globalen  Rahmen sowie im Bündnis zu leisten und
  • die  nationale Sicherheit  zu gewährleisten sowie zur Verteidigung des eigenen Territoriums und der Verbündeten beizutragen.

Zurzeit wird die Bundeswehr mit großem Vorrang  auf die bereits stattfindenden und  möglichen  künftigen Einsätze zur Konfliktverhütung und Krisenbewälti- gung nachgerüstet bzw. neu ausge- richtet. Dazu benötigt die Bundeswehr Truppen, die schnell, wirksam und durchhaltefähig eingesetzt werden können  und des Weiteren  für  gemein- same Einsätze mit Streitkräften anderer Nationen  befähigt sind.

Militärisches  Handeln erfordert mög- lichst umfassende Informationen als Grundlage  für eine eigene nationale Urteils-, Entscheidungs- und Hand- lungsfähigkeit. Das Militärische Nach- richtenwesen gewinnt Informationen hauptsächlich  durch  Aufklärung. Dazu musste sich die Bundeswehr zunächst einmal wegen der geografischen Er- weiterung der möglichen  Einsatzge- biete die Fähigkeit zur weltweiten Nachrichtengewinnung und Aufklärung schaffen.

Zum Informationsbedarf im politischen und militärischen Bereich
Der Informationsbedarf im politischen und militärischen Bereich ist sehr unterschiedlich    und    abhängig    von der anfordernden Führungsebene. Aus dem   Informationsbedarf   leiten   sich spezifische Forderungen bezüglich des Detaillierungsgrades,  der  Aktualität und der Erneuerungsrate von Informa- tionen  ab und  sind  abhängig  von der Art der angeforderten Informationen. Zur Deckung des Informationsbedarfs werden Aufklärungsmittel der Bun- deswehr eingesetzt.  Sie sind in drei Kategorien geordnet:

Die  strategische  oder  auch  weltweite Aufklärung befähigt grundsätzlich zur Informationsgewinnung ohne geografische Beschränkungen. Sie respektiert bestehende staatliche Hoheitsrechte. Aus der weltweiten Aufklärung ge- wonnene  Informationen dienen der politischen und militärischen Führung, um strategische Entscheidungen treffen zu können.  Sie  sind  Teil des  Prozesses zur wirksamen Krisenfrüherkennung, Krisenvorsorge  und  Krisenmanage- ment. Militärisch betrachtet schaffen die weltweiten Aufklärungsergebnisse die    notwendigen    Grundlagen     für die Einsatzplanung und Operationsführung.

Die operative oder auch weiträumige Aufklärung   dient   der   großräumigen und  echtzeitnahen  Lagefeststellung und ist besonders geeignet für das Überwachen von Krisengebieten. Sie schaffen im Bedarfsfall aufgrund ihrer kontinuierlichen Lageerfassung die Voraussetzungen für einen Streitkräfte- einsatz. Bei laufenden Operationen dient  die weiträumige Aufklärung vor- rangig   zur  Erstellung  des  Lagebildes der mit  der Einsatzführung beauftrag- ten Führungsebene.

Bei der Taktischen oder auch Auf- klärung  im Einsatzgebiet werden im Einsatzgebiet zusätzlich spezifische Aufklärungsmittel eingesetzt, Ergeb- nisse müssen unmittelbar dem takti- schen Führer vor Ort bar zur Verfügung stehen.  Mittel zur  Aufklärung im  Ein- satzgebiet   sind  daher   immer   ergänzend  zu  den  Mitteln der  weltweiten und der weiträumigen Aufklärung zu betrachten.

Militärische Aufklärung
Die militärische Aufklärung gewinnt und sammelt Informationen über die militärpolitische Lage in einzelnen Ländern und wertet diese aus. Die Aus- werteergebnisse über die Streitkräfte eines möglichen  oder tatsächlichen Gegners werden in der so genannten Ground Order of Battle (GOB) geführt. Die  GOBs  bilden   die  Grundlage   für politische Entscheidungen, militärische Operationen und möglicherweise auch zu  eigenen   Rüstungsmaßnahmen.   In der  Bundeswehr  führt das  Komman- do Strategische Aufklärung die Maß- nahmen zur strategischen Aufklärung durch.

Das Führungsgrundgebiet  2 „Militäri- sches Nachrichtenwesen“ bearbeitet innerhalb der Führungsorganisation diesen Arbeitsbereich.  Ab der Ver- bandsebene wird die Aufklärung durch die S2 Stabsabteilungen und ab der Divisions- bzw. Korps-Ebene sowie bei Kommandobehörden durch das Dezer- nat  Aufklärung der G2 Stabsabteilung bearbeitet.
Im Verteidigungsministerium ist die Stabsabteilung für das Militärische Nachrichtenwesen   (Fü S  II)  zuständig und gliedert sich in

  • Referat Grundsatzangelegenheiten und Konzeption des Militärischen Nachrichtenwesens,
  • Referat Strategische    Aufklärung; Sicherheitsoffizier Fernmelde-, Elektronische-     und    Sonderaufklärung;   Beauftragter  des  Inspekteurs der Luftwaffe für  Militärisches  Nach- richtenwesen,
  • Referat Nationale Risikobeurteilung; Lage anderer Staaten; Beauftragter des Inspekteurs des Heeres für Militärisches Nachrichtenwesen,
  • Referat Militärische   Sicherheit   der Bundeswehr; Beauftragter des Inspek- teurs der Marine  für Militärisches Nachrichtenwesen,
  • Referat Angelegenheiten  ausländischer Militärattachés; Lage anderer Staaten,
  •  Referat GeoInformationswesen   der Bundeswehr; Navigation in der Bundeswehr.

Mittel zur militärischen Aufklärung

  • Strategische Aufklärung
    Wesentliche Mittel sind Open Source
    Intelligence   über   frei  zugängliche


Medien  (Internet), bildgebende Auf- klärung  über Satelliten, AWACS und EuroHawk sowie auch die Elektro- nische Kampfführung mit der Fern- meldeaufklärung     (COMINT)    und Elektronischen  Aufklärung (ELINT).

  • Operative  Aufklärung
    Wesentliche Mittel sind beispiels- weise RECCE-TORNADOs mit Aufklä- rungspods, Unbemannte Flugsysteme (UAV) und Fernspähtrupps neben der Fernmeldeaufklärung.
  • Taktische Aufklärung
    Wesentliche Mittels zur Aufklärung sind Soldaten durch Befragung (HUMINT) Spähen, Sehen, Hören, Einsatz von Drohnen wie HERON, MIKADO, ALADIN, LUNA und KZO, aber auch Mini-Drohnen.
    Daneben kann auch eine unmittelbare Aufklärung durch verdeckte Kräfte des Nachrichtendienstes, beispielsweise des BND durchgeführt werden.

Zusammenfassung
Das Militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr hat gemäß Auftrag eine Informations-, Warn- sowie Schutz- funktion zugewiesen bekommen.  Zu den Aufgaben gehören:

  • die     politische     und     militärische Führung über die Lage anderer Staaten  zu berichten  und  frühzeitig auf krisenhafte Entwicklungen hin- zuweisen,
  • für die  Streitkräfte  in  Vorbereitung und   im   Einsatz   Erkenntnisse   über das Einsatzgebiet bereitzustellen, die mögliche Handlungsoptionen der Konfliktparteien darstellen und Schutzmaßnahmen empfehlen,
  • die   Sicherheitslage   für   die   Streit- kräfte im Inland und in den Einsatz- gebieten zu bewerten und damit zur Militärischen Sicherheit beizutragen.

Autor:  Jürgen K.G. Rosenthal