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HHK-4-2012

Wetterbeobachtung und Wetterberatung im ISAF-Einsatz in Afghanistan Streitkräftebasis 43 Dabei stellen nicht nur die klimatischen Bedingungen Schwierigkeiten und Herausforderungen dar, auch die unterschiedlichen Bedürfnisse der fliegenden Zunft bedürfen immer wieder eines gewissen Maßes an Anpassungsfähigkeit – letztlich ist das GeoInfo-Personal Dienstleister und muss auf die Forderungen der Bedarfsträger im Rahmen der Möglichkeiten und Vorschriften eingehen. Die Forderungen sind mit den Bedarfsträgern abzusprechen, Lösungen sind zu erarbeiten und festzulegen, wobei hier besonders der Führer der Teileinheit (TE) GeoInfo gefordert ist. Wetterberatung und Wetterbeobachtung in Afghanistan Als Wetterberater in MES unterscheidet sich das Aufgabenfeld teilweise deutlich von den Aufgaben im Inland. Während der Berater auf einer Beratungsstelle in Deutschland meist nur für einen einzigen Verband zuständig ist, so umfasst sein Aufgabenbereich in MES die Beratung aller in Nordafghanistan und Usbekistan stationierten deutschen Einheiten. Darüber hinaus unterstützt er internationale ISAF Truppen mit Beratungsleistungen (gemäß Aeronautical Information Publication). Das Hauptaugenmerk liegt dabei natürlich auf der Flugwetterberatung der deutschen Luftfahrzeuge. Dazu gehören die TRANSALL C-160 der Luftwaffe, die Transporthubschrauber CH-53 des deutschen Heeres sowie die deutschen unbemannten Drohnen ALADIN, LUNA, KZO und HERON. Des Weiteren werden regelmäßig Beratungen für Luftfahrzeuge von internationalen Partnern übernommen, wie zum Beispiel die AWACS – Maschinen der NATO, Black- Hawk Hubschrauber der US Army sowie C-130 HERCULES und SUPERPUMA der königlichen schwedischen Luftwaffe (RSAF). Über das normale Erarbeiten von Wetterberatungen hinaus ist der GeoInfo- Beratungs-Offizier (GeoInfoBerOffz/ StOffz) in MES besonders gefordert, aktiv bei der Planung des Flugbetriebes mitzuwirken. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sich herausstellt, dass ein Flugplatz auf Grund von Wettereinflüssen über einen längeren Zeitraum nicht anfliegbar sein wird. Darauf muss rechtzeitig hingewiesen werden, um anstehende Transport- oder Einsatzflüge eventuell vorzuziehen oder alternative Möglichkeiten zu planen. Ein weiterer Unterschied zum Dienstbetrieb in Deutschland betrifft die Flugplatzwettervorhersage (Terminal Aerodrome Forecast, kurz TAF). Während ein Berater in Deutschland meist alle drei Stunden nur einen TAF für einen Zeitraum von neun Stunden erstellen muss, müssen in MES alle sechs Stunden drei TAFs für jeweils 24 Stunden erstellt und überwacht werden. Denn neben dem TAF für MES ist der Berater auch für die TAFs der Flugplätze von Kunduz und Feyzabad zuständig. Die lange Gültigkeitsdauer ergibt sich aus den Forderungen der Transportflieger, die für die Versorgung der ISAF-Truppen teilweise sehr weite Entfernungen zurücklegen müssen und einen entsprechend langen zeitlichen Vorlauf benötigen. Ähnlich verhält es sich mit dem Wetterwarndienst. In Deutschland muss sich der Berater auf einer Beratungsstelle meist nur um seinen Standort kümmern. In MES ist er jedoch für den Warndienst im gesamten Norden Afghanistans und Termez zuständig. Eine weitere wichtige Aufgabe, neben dem eigentlichen Flugbetrieb, ist die Wetterberatung der Führung des Regional Command North (RCN), welches ebenfalls in MES stationiert ist. Schwerpunkt hierbei sind die zu erwartenden wetterbedingten Einschränkungen für den gesamten unterstellten Bereich. Dazu gehören natürlich die Luftfahrzeuge, aber auch die Bodentruppen. Letztere sind gerade in den Bergregionen besonders beeinflusst von Niederschlägen, Neuschnee oder Schneeschmelzen, welche die Befahrbarkeit der nur selten befestigten Straßen erheblich verschlechtern können. Ebenso wichtig ist für sie die Temperatur und UV-Indexvorhersage in der heißen Jahreszeit. Durch die oftmals extrem geringe Luftfeuchtigkeit kann es schnell zu Austrocknungserscheinungen des Körpers oder Verbrennungen auf der Haut aufgrund der sehr intensiven Sonneneinstrahlung kommen. Neben diesen Hauptaufgaben stehen noch zahlreiche Nebenaufgaben wie zum Beispiel die Radiowettervorhersage für Radio Andernach auf der Tagesordnung. Besonderheiten in der Wetterberatung Obwohl in Afghanistan das ganze Jahr über mit wetterbedingten Einschränkungen des Flugbetriebs gerechnet werden muss (Gewitter im Frühjahr, hohe Temperaturen und Staub- beziehungsweise Sandstürme im Sommer), ist der relativ kurze Winter in Afghanistan die einzige Jahreszeit, in der diese Einschränkungen auch länger anhalten können. Deshalb wird hier im Wesentlichen auf diese Jahreszeit und ihre Besonderheiten eingegangen. Wenngleich die meisten bei Afghanistan an eine trockene Wüstengegend denken, kommt es vor allem Ende November bis Ende Februar immer wieder zu Frontdurchgängen mit verbreiteten Niederschlägen und oftmals auch tiefer Bewölkung. Es liegt auf der Hand, dass der Fokus der Vorhersagen natürlich auf diesen Ereignissen liegt. Da die Numerik später noch gesondert behandelt wird, beschäftigt sich der folgende Abschnitt allein mit dem Nowcasting, also einer Vorhersage für die nächsten Stunden. Sie stützt sich in Afghanistan größtenteils auf Satellitendaten sowie die wenigen Beobachtungsdaten. (Radardaten werden voraussichtlich erst gegen Ende 2012 mit Einführung des verlegefähigen Wetterradars vorhanden sein.) Das Nowcasting stellt in der Regel die genaueste Form der Vorhersage dar, ist jedoch sehr stark abhängig von der Dichte der Wetterbeobachtungsstationen und der Qualität dieser Beobachtungen. Im Einsatzgebiet von ISAF sind diese Voraussetzungen alles andere als optimal. Zum einen melden in einer vergleichbaren Fläche viel weniger Stationen als in Mitteleuropa, zum anderen kommt es häufig zu Datenausfällen. Zusätzlich werden großteils Beobachtungsautomaten eingesetzt, die in einigen Bereichen, im Vergleich zum menschlichen Beobachter, spürbare Defizite in der Qualität der Beobachtung aufweisen. Speziell bei der winterlichen Niederschlagsvorhersage stellt dies vor allem für den Flugplatz MES eine besondere Herausforderung dar. In diesem Fall liegen zwischen dem Platz selbst und der nächsten repräsentativen Beobachtungsstation in Richtung Westen – dies ist die Hauptannährungsrichtung von Frontensystemen – welche verlässlich rund um die Uhr meldet, rund 500 Kilometer. Ähnlich verhält es sich mit Radiosondenstationen in Richtung Westen. HHK 4/2012 Vergleich über die Dichte der Verteilung von Bodenwetterstationen in Europa und im Einsatzgebiet. Foto: AGeoBw


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