Der etwas andere Job: Infanterie zu Land, zur Luft und zur See
Intensive Schießausbildung: Hier am leichten Maschinengewehr
MG4 mit zusätzlicher Zieleinrichtung. Foto: HHK / JRosenthalDie Marineschutzkräfte sind ein infanteristischer Verband der MarineDie Deutsche Marine ist im weltweiten Einsatz. Im Rahmen der Bündnisverpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich die Marine an internationalen Einsätzen zur Krisenbewältigung, Konfliktverhütung und Friedenssicherung. Der Schutz von Seeverbindungen in internationalen Gewässern ist für Deutschland von vitalem Interesse. Der Schutz der eigenen Einheiten und Einrichtungen – insbesondere bei Auslandseinsätzen – ist Aufgabe der Marine selbst. Dazu verfügt die Marine über Marineschutzkräfte (MSK), die sie weltweit an Land im Bereich von Häfen, aber auch in Reeden und küstennahen Gewässern einsetzt. Diese Schutzaufgabe schließt auch den bordgestützten Einsatz ein, und zwar sowohl auf eigenen Einheiten, als auch auf anderen Schiffen, beispielsweise im Rahmen der EU-Mission ATALANTA. Des Weiteren werden Marineschutzkräfte wegen ihrer soliden infanteristischen Ausbildung und Befähigung auch für Sicherungsaufgaben in Afghanistan eingesetzt.
Als Folge der Transformation wurden die Marineschutzkräfte mehrfach umstrukturiert und sind seit dem 1. April 2005 in derzeitiger Struktur in Bataillonsstärke am Marinestandort Eckernförde stationiert. Das Bataillon ist der Einsatzflottille 1 eingegliedert und bildet zusammen mit den Spezialisierten Einsatzkräften Marine (SEK M) die einzige infanteristische Komponente der Marine.
Das Bataillon Marineschutzkräfte weist zurzeit eine Personalstärke von etwa
540 Soldatinnen und Soldaten (Stand: 03/2010) aus, davon circa 30 Offiziere, 95
Portepeeunteroffiziere, 40 Unteroffiziere und 370 Mannschaften, Kommandeur ist Fregattenkapitän Thomas Schorn.
Fregattenkapitän Thomas Schorn, Kommandeur MSK und HHK-Stellvertretender Chefredakteur Jürgen K.G. Rosenthal auf dem Truppenübungsplatz Putlos (v.r.n.l.).
Foto: HHK / JRosenthal
Auftrag der MarineschutzkräfteMSK sichern, schützen und unterstützen die Einheiten der Marine, deren Einrichtungen und zugewiesene Objekte sowohl an Land als auch im Bereich von
Häfen, Reeden und küstennahen Gewässern gegen terroristische Angriffe
irregulärer Kräfte, um die Überlebensfähigkeit der Angehörigen der Bundeswehr,
die Funktionsfähigkeit wichtiger Infrastruktur und die Durchsetzungsfähigkeit
eigener Kräfte zu gewährleisten. MSK wirken darüber hinaus mit ihren personellen und materiellen Mitteln im Verbund mit anderen See- und Seeluftstreitkräften. Dies schließt einen streitkräftegemeinsamen und /oder multinationalen Einsatz ein.
Aufbau und Umfang der Marineschutzkräfte
Grafik: MSK
Aufgaben des Feldnachrichtenzugs der MSK
Grafik: MSKAufgaben der Marineschutzkräfte Hauptaufgaben:– Unterstützung der Bordkommandos im Hafen und in küstennahen Gewässern,
– Beratung der Führungsebenen vor Ort im Hinblick auf Operativen Schutz,
– Sicherung von Marineanlagen und Abstützpunkten,
– Informationsgewinnung durch die Frontnachrichtenkräfte Marine (FNKrM) zur Unterstützung des Operativen Schutzes sowie zur Vorbereitung und Unterstützung des Einsatzes von Seeund Seeluftstreitkräfte,
– Unterstützung bei Aufbau und Betrieb sowie Schutz einer logistischen Plattform im Einsatzgebiet (ex - APM),
– Streifentätigkeiten,
– Schutz von Straßentransporten im Inund Ausland im Rahmen der Einsatzunterstützung.
Nebenaufgaben:
– Unterstützung von MilEvakOps,
– Durchführung Kampfmittelerkundung,
(EOR) und Sicherung von Kampfmittelbeseitigungsteams,
– Unterstützung im Rahmen der humanitären
Hilfe (Desaster Relief),
– Abgestufte Maßnahmen zur Abwehr
von Demonstranten/zivilen – Störern/
Aufständischen,
– Maßnahmen der ABC-Abwehr und
Abwehr von industriellem Gefahrenpotential
an Land,
– Maßnahmen im Rahmen der Beweissicherung,
– Unterstützung verbündeter Streitkräfte
in Deutschland im Rahmen
HNS (Host Nation Support).
Die Marineschutzkräfte sind gegliedert in:– Bataillonsstab MSK,
– 1. Einsatzkompanie,
– 2. Einsatzkompanie,
– 3. Einsatzkompanie,
– Feldnachrichtenzug.
Der Frontnachrichtenzug Marine (FNKrM) stellt innerhalb der Deutschen Marine
eine Besonderheit dar. Zu den Aufgaben gehört die Herstellung und Pflege eines
engen Kontaktes zur Bevölkerung des Einsatzlandes, um durch so genannte
Gesprächsaufklärung die Stimmung im Lande aufzunehmen, auszuwerten und
in das Lagebild vor Ort einzubringen.
Die Ausbildung zum Einsatz bei den MarineschutzkräftenDie Ausbildung gliedert sich in die Grundausbildung an der Marineunteroffizierschule in Plön und die anschließende Vollausbildung mit verschiedenen Abschnitten bei den Marineschutzkräften in Eckernförde sowie an Truppenschulen des Heeres. Die Soldatinnen und Soldaten werden während der Vollausbildung den drei Einsatzkompanien jeweils im II. bzw. III. Zug zugeordnet.
Ausbildung der Mannschaften– 3 Monate Allgemeine Grundausbildung (AGA),
– davon 1 Monat „Einsatzvorbereitenden Ausbildung zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung (EAKK)“. Abschnitte der Vollausbildung:
– ABC-Abwehr und Selbstschutz sowie Brandbekämpfung,
– Checkpointausbildung,
– Einsatz im Mobile Protection Element (MPE) an Bord von Schiffen und Booten,
– Abseilen von Hubschraubern (Fast- Roping),
– Funkausbildung,
– Gebirgs- und Winterkampf,
– Kampfmittelerkundung,
– Ort- und Häuserkampf,
– Sanitätsausbildung,
– Sportausbildung (BFT und DSA),
– Aufenthalte auf Truppenübungsplätzen sowie Teilnahme an Übungen auf Verbands-, Einheits- und Teileinheitsebene,
– Marschausbildung, darunter Bergungsund Leistungsmärsche,
– Waffen- und Schießausbildung.
Nach erfolgreichem Abschluss der Vollausbildung wird der Status „Combat
Ready“ verliehen, es folgen weitere Fachausbildungen, zum Beispiel zum
Scharfschützen oder Kraftbootfahrer. Ausbildung zum Portepeeunteroffizier
zum Einsatz als Gruppen- oder Zugführer
– (nach Vollausbildung) Unteroffizierlehrgang an der MUS Plön,
– ABC-Abwehr und Selbstschutz an der ABC/Se-Schule in Sonthofen,
– Einzelkämpferlehrgang 1 an der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt,
– Erwerb Führerschein B und C/E,
– Gruppenführerlehrgang an der MUS Plön,
– Gruppenführerpraktikum,
– Schießlehrgang an der Infanterieschule in Hammelburg.
Ausbildung als Offizier zum Einsatz als Zugführer, Einheits- und Verbandsführer
– Studium für Offiziere des Truppendienstes bzw. Ausbildung für Offiziere des Militärfachlichen Dienstes,
– Gruppenführerlehrgang an der MUS Plön,
– Truppenpraktikum,
– Zugführerlehrgang,
– Einsatz bei den MEK, weiterführende Lehrgänge.
Landschaftlich sehr reizvoll – bei den
Soldatinnen und Soldaten wenig beliebt.Der Truppenübungsplatz Putlos – integraler Bestandteil der Ausbildung
der MEK
Ein wichtiger Schwerpunkt im Rahmen der Ausbildung aller Dienstgradgruppen
ist die Waffen- und Schießausbildung. Das Bataillon nutzt hierfür den Truppenübungsplatz Putlos unmittelbar an der Ostseeküste im Landkreis Ostholstein.
Auf einer Landfläche von circa 1.259ha und einem Seeschießgebiet von circa
486qm befinden sich:
– 12 Schießbahnen für Schul- und Gefechtsschießen,
– Schießbahnen für Flug- und Fliegerabwehr,
– Artillerie- und Mörserfeuerstellungen,
– Wurfstände für Handegranaten,
– Sprengplätze,
– Übungsanlage Fliegerabwehr,
– kombinierte Gefechts- und Ausbildungsschießanlage,
– Panzerüberallbahn,
– Kampfmittelabwehrübungsanlage,
– Übungsraum für ABC-Abwehr und SE-Ausbildung,
– eine NECIC-Hindernisbahn.
Auf dem Truppenübungsplatzplatz ist neben dem Scharfschießen mit Handwaffen,
wie Gewehren, Maschinengewehren oder Pistolen auch der scharfe Schuss mit dem Kampfpanzer LEOPARD (Kaliber 120mm) und der Panzerhaubitze PzH 2000 (155mm) möglich, darüber hinaus kann mit der Maschinenkanone 20mm, Mörsern bis 120mm, Granatmaschinenwaffen (40mm) und den Raketenartilleriesystemen MARS oder
LARS geschossen werden.
Auch das ist ein Einsatzszenario für Marineschutzkräfte.
Foto: MSKAusrüstung der Marineschutzkräfte Das System Infanterist der Zukunft (IdZ) ist auch Grundlage der Ausrüstung für die Marineschutzkräfte.
Bei den Handfeuerwaffen kommen folgende Waffensystem zum Einsatz:
– Pistole P8,
– Granatpistole 40mm,
– Maschinenpistole MP7 A1,
– leichte Maschinengewehr MG4,
– Scharfschützengewehr G82,
– Scharfschützengewehr G22,
– Sturmgewehr G36 mit Anbaugerät AG36.
Weitere Waffensysteme
– Panzerfaust 3,
– Panzerfaust leicht mit Restlichtverstärker NSA80,
– Granatmaschinenwaffe 40mm,
– Leuchtbüchse.
Die Marineschutzkräfte haben an Fahrzeugen den LKW 0,5t gl WOLF, den LKW
2t mil gl UNIMOG, den LKW 5t mil gl MAN und insbesondere für den Einsatz
zur Ausbildung den ATF DINGO.
Das Leben an Bord ist zusätzlich mit großen Entbehrungen,
oft über lange Zeiträume, verbunden.
Foto: MSKMaritime Ausrüstung der MarineschutzkräfteDen MSK sollen nach entsprechendem Umbau vier Minenjagdboote der
FRANKENTHAL-Klasse mit Stationierungsort Kiel beim 5. Minensuchgeschwader
zur Verfügung gestellt werden.
Beteiligung von Marineschutzkräften an multinationalen Einsätzen
Die Marineschutzkräfte der Marine beteiligten bzw. beteiligen sich an nahezu allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr:
– NATO-Mission ISAF in Afghanistan mit infanteristischen Kräften,
– Einsatz bei EUFOR in Bosnien-Herzegowina,
– NATO-Operation ENDURING FREEDOM (OEF) in Dschibuti,
– Einsatz bei der EU geführten Operation ATALANTA,
– NATO-Mission KFOR auf dem Kosovo,
– Einsatz bei VN-Mission UNIFIL im Libanon mit MPE und HPE für den Abstützpunkt Limassol.
Im Vordergrund der derzeitigen Einsatzaufgaben steht dabei die Bereitstellung
von Mobile Protection Elements (MPE), Vessel Protection Detachments (VPD) und
Harbour Protection Elements (HPE). Mobile Protection Elements sind Teileinheiten von drei bis zu zehn Soldaten unter Führung eines Unteroffiziers, die schwimmende Einheiten der Marine auf See vor allem in den küstennahen Gewässern in der Aufgabenwahrnehmung des Eigenschutzes verstärken. Dafür sind sieim Besonderen ausgebildet und verfügen
über eine entsprechende Bewaffnung. Vessel Protection Detachments haben
einen ähnlichen Auftrag, allerdings nehmen sie diesen als Schutzteams an
Bord von Handelsschiffen wahr. Dabei beraten die VPDs unter der Führung
eines Offiziers die Schiffsführung in Fragen der Absicherung und schützen aktiv im Bedarfsfall. VPDs werden zumeist mit Unterstützung von Hubschraubern
durch Abseilen eingesetzt. Im Rahmen der EU-Operation ATALANTA sind VPD
zum Schutz von Schiffen des World Food Program (WFP) beim Transit am Horn von Afrika im Einsatz.
Harbour Protection Elements werden zum Schutz von schwimmenden Marineeinheiten
sowie zum Schutz von Häfen und Abstützpunkten der Marine, beispielsweise
in Limassol auf Zypern, eingesetzt. HPEs werden in Zugstärke (bis zu 40
Soldaten) eingesetzt und bestehen zur Sicherstellung eines ständigen Schutzes
aus mindestens zwei Gruppen. In ihrer Kernfähigkeit sind sie infanteristisch
ausgebildet und ausgerüstet. Zu den Absicherungsmaßnahmen gehören das
Einrichten und Betreiben von Checkpoints zur Verhinderung von unbefugtem Zutritt, eine seeseitige Absicherung, die Durchführung von Streifen und Patrouillen sowie das Errichten von Sperren.
SchlussbemerkungDie Marineschutzkräfte leisten einen wichtigen Beitrag im Rahmen der Konfliktbewältigung. Der Dienst bei den MSK stellt an Soldatinnen und Soldaten
höchste Anforderungen. Eine hohe Motivation sowie ein ausgeprägter Wille
zur Leistungsbereitschaft, eine überdurchschnittlich gute körperliche Fitness sowie eine ausgeprägte Teamfähigkeit und eine gesunde soziale Kompetenz sind daher Grundvoraussetzung. Angehöriger der Marineschutzkräfte zu sein, heißt
aber auch eigentlich marineuntypisch in Afghanistan den Dienst zu versehen.
Der Mythos von den „Blauen Jungs“ verschwindet dabei auf den staubigen
Straßen in Kunduz oder Mazar-e Sharif. In diesem Zusammenhang muss aber auch
einmal die Situation der Marineschutzkräfte an Bord der Schiffe und Boote, auf
denen sie eingesetzt werden, betrachtet werden. Nahezu alle schwimmenden Einheiten – militärisch und zivil – verfügen nicht über eine Kapazität zur Unterbringung dieser (zusätzlichen) Soldaten und das über einen durchaus längeren Zeitraum. Zum Teil müssen diese Kräfte an Deck mit ihrer oftmals recht umfangreichen Ausrüstung verbleiben und sind somit Klima- und Wetterbedingungen und anderen Einwirkungen ausgesetzt. Gerade die Schiffseinheiten des World Food Program (WFP) zeichnen sich durch
schlechten technischen Zustand, hohe Verletzungsgefahr durch unsichere und nicht instandgehaltenen Aufbauten, große Infektionsgefahr wegen allgegenwärtigen Schimmels, schlechter Belüftung von Räumen und mangelhafter Unterbringungsmöglichkeiten für Mensch und Material aus. Das Leben an Bord für Marineschutzkräfte bei höchster Beanspruchung zur Sicherstellung der Auftragserfüllung ist somit zusätzlich mit großen Entbehrungen und Einschränkungen, oft über lange Zeiträume, verbunden.
„Soldaten sind bestimmt durch eine Loyalität gegenüber ihrem Dienstherrn,
aber es bedarf einer zügigen Abstellung dieses Mangels.“
Die Marineschutzkräfte aus Eckernförde leisten eine hervorragende, vorbildliche Arbeit. Dafür gehört Ihnen Dank und Anerkennung. Abschließend bleibt noch festzuhalten, dass dieser „Job“ sehr interessant, abwechslungsreich und auch zufriedenstellend sei, so ist es von Angehörigen der Marineschutzkräfte zu hören. Die Weiterverpflichtungsquote liegt in
diesem Bereich bei über 62 Prozent.
Für Interessierte: www.marine.de
Autor: Jürgen K.G. Rosenthal